Tagebuch

Heute ist Dienstag der 10.September 1985

und der Rest meiner Dienstzeit bis zum 24.April 1986 schrumpfte auf 226 Tage zusammen. Ob sie lang werden oder schnell vergehen zeigt sich. Sicher beides. Ausschlaggebend für den Beginn dieses Büchleins war die überraschende Erkenntnis, dass die vergangenen Monate seit November 84 doch relativ schnell vergessen sind und es unbestreitbar interessant sein könnte, unbelasted und mit dem nötigen Abstand über mehr oder weniger komische Ereignisse der Armeezeit nachzudenken, vielleicht mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Leider bin ich erst jetzt auf diese Idee gekommen aber immerhin bietet das vor mir liegende dreiviertel Jahr genügend Diskussionsstoff um Bände zu füllen. Es liegt mir fern einen minutiösen Ablauf fertigzustellen. Dafür wird mir die Zeit und die Lust fehlen. Ich bin selbst gespannt, wieweit sich diese Idee enrtwickeln wird, auf jeden Falle bemühe ich mich vor allem ehrlich gegenüber mir selbst zu schreiben.

Beginnen möchte ich mit Vorgestern, Sonntag 8.9. – vor allem deswegen, weil dieser Tag, mehr durch Zufall, auf meinem EK-Handzettel, bei Beginn dieses Handzettels im November 1984 von mir mit einem Fragezeichen versehen wurde. Ich fragte mich damals, wo mir alles so ungewiss schien, was an einem x-beliebigen Tag wie dem 8.September 1985 sein würde, wie ich mit einiger Routine über diese ganze Armee denken würde. Der 8.September war ein Sonntag und das Regimentssportfest stand auf dem Programm. Wir, der Stab 1, belegten den ersten Platz- eine kleine Sensation und lenken wenigstens diesmal von unserer katastrophalen Ordnung und Disziplin ab, um mal nicht auf der Roten Liste des Abteilungskommandeurs und des Operativen zu stehen.

Im Augenblick läuft der Wahnsinnsong von Ann Lenox Eurythmics “There must be an angel” So richtig lebenslustig und fröhlich klingt die Mundharmonika, passt so richtig  in meine Stimmung. Es ist schade, dass man solche Stimmung nicht speichern und beliebig abrufen kann, aber zum Glück kann man dies ja seit einigen Jahren wenigstens mit der Musik. Ich schweife ab, aber da ich ein Thema wegliess. gehört es dazu und gibt einen gewissen Reiz. Abends feierte ich mit Thomas Rambow (3.Batterie) – wir haben herzhaft gelacht und getrunken. Da ich für letzteres nicht sehr verträglich bin, wurde diese Aktion auch relativ schnell beendet in derem Verlaufe ich zwei Stunden mehr schlafend als wach im Waschraum zubrachte. Morgens wachte ich mit lückenhaftem Gedächtnis und in kompletter Felddienstuniform auf meinem Bett auf. Ich bin Heiko Schrader, der UVD stand dankbar, dass ich statt dem verhassten Frühsport zum Straßenfegen ins Außenrevier durfte. Zum ersten Mal /I’m on fire “Bruce Springsteen”/ merke ich, wie der Restalkohol wirkt und ich kurvte vor den Augen des Stabschef ziemlich wankend da unten umher. Andauernd Wahnsinn, nun kommt im Radio Yvonnes Lied “We donIt need another hero” Tina Turner. Das Frühstück war eine Qual, mein Kehlkopf wie gelähmt. SANDRA “I NEVER BEEN MARIA MAGDALENA” – irre-
Der Abend rächte sich am Vormittag bei der Normabnahme des 3000 m- Laufes. Mit hängendem Magen und brummenden Kopf- und Heckert sprintete wie ein Wilder, so dass ich ihn auf den letzten 500 Metern doch noch ziehen lassen mußte. Ich schäme mich für die “3” obwohl es nur Sekunden zur “2” waren. Trotzdem ! Der Rest unseres Zuges, sowie außer zwei Mann, die gesamte 1.Batterie liefen Fünfen.

Mittwoch 11.09.85

Diese Woche ist beschissen und das nur aus einem Grund – Freitag soll die Prüfung für die Qualispange Stufe II stattfinden. Mir ist jetzt schon ganz schlecht. Ich wurde zwangsverpflichtet und erfuhr gestern, daß ich sie vor einer Kommission des Militärbezirks ablegen soll. Das könnte mir als normaler Soldat eigentlich egal sein, was wollen die denn, wenn ich es nicht schaffe ? Aber Leider gibt es ein Stück Ehre im Leib und ich will zeigen, daß ich es packen kann, auch und gerade, weil es recht aussichtslos ist. Es gibt auch einen materiellen Anreiz dahinter – 300 Mark könnte ich gut gebrauchen. Aber meine gute Laune wird bis Freitagnachmittag passe sein. Es ist fast so wie im vorigen Jahr vor der Physikprüfung, die Fragenkomplexe waren wie ein Hammern vor’n Kopf. Ich würde sagen, ein Offiziersschüler von einer Aufklärungsrichtung würde die Quali packen. Ich könnte mich weiter aufregen, doch was soll’s ich werde mein Bestes geben und mit etwas Glück sind mir die 300,- sicher.

Nachmittags war eine Hafenrundfahrt auf FDJ-Kosten angesagt. Martens, Rambow, Haubus, EK_Weidemann und ich und es ist entgegen meinen Erwartungen doch ziemlich lustig geworden. Den Nachgeschmack von Sonntagabend spürte ich noch in meinem Blut, so daß es bei “ein paar Bier” blieb – wir haben uns köstlich amüsiert. Nachher werdeich noch ein paar Runden laufen, man müsste wirklich endlich mit dem Rauchen aufhören. 

Morgen kommt hoffentlich ‘ne Menge Post, falls Corinna für Sonnabend oder Sonntag meinen Ausgang einplant wird’s kritisch, mein Geldbeutel scheint ein Loch zu haben. Und Dienstag gibt’s erst den nächsten Sold. Ich freue mich wie ein Hund auf meinen Urlaub, hoffentlich klappts am 05.10. Ich möchte Yvonne sehen !!
Ach ja, gestern passierte noch ein Ding. Matthes baute sich seit zwei Wochen eine Windmühle aus tausenden Streichhölzern und einer Menge Klebstoff. Haubus, der nur Blödsinn im Kopf hat, kaufte sie ihm für 3,- Mark ab (dem Materialpreis) und feierlich zündete er sie an. Dabei löste sich der Sprelacartüberzug unseres Tisches halb auf und dann war das Theater groß.

Freitag 13.09.85

Obwohl ein negatives Vorzeichen dieses Datum, freue ich mich wie wahnsinnig. Nach vierstündiger Prüfung schafften Uwe und ich die Quali II. 300,- Mark und entgegen allen Prognosen haben wir’s gepackt. Schriftliche Prüfung, da schieden schon 70% aus und dann mündlich und praktisch. Es war zum Glück etwas Glück im Spiel. Hoffentlich kommt heute Post für mich, heute Abend werde ich wieder richtig ruhig schlafen, ohne so ein ungutes Gefühl im Magen.

Sonntag 15.09. 03.30 Uhr

Nach einer Menge Troubble am Freitagnachmittag stehe ich nun am Wochenende KDL-Wache. Sonnabendfrüh, Normenmeisterschaften im 3000 m – Lauf. Keine überragende Zeit, aber Teilnahme entscheidet. Mittags dann ‘ne “Menge” Post. Drei Briefe auf einmal, es ist selten geworden, mehr als einen – wenn überhaupt- zu bekommen. Über Peters Berlin News freute ich mich am meisten. Mausis Brief war ziemlich lash, Corinna schrieb einen ihrer Standardbriefe, trotzdem freute ich mich gerade über ihren. Hoffentlich sehe ich sie nächstes Wochenende und hoffentlich in ihrer neuen Wohnung, an 00.00 Uhr – Ausgängen soll es nicht mangeln. Die nächste Woche gibt’s hoffentlich mal wieder ein Erfolgserlebnis und weniger Sackstand.

Vorhin kam saustarke Musik und vor allem Studio 89 mit Christian Graaf. Meine Top-Songs sind: 
Propaganda – p-machinery
Eurythmics There must be an angel
Cate Bush Running up that hill
Sandra I’never been M.M.
Nena  Haus der 3.Sonne
Yvonne müsste ich unbedingt ein paar Zeilen schreiben.
Mein Entschluss wird immer konkreter und nimmt festere Formen an.
WAS TUN ? Peters Hilfe könnte ich gebrauchen, die Meinung der Eltern wird negativ sein und davor habe ich Angst, aber es ist doch mein Leben – nun brauche ich den nötigen Arsch in der Hose. Do it, Do it, Do it sagt mir meine innere Stimme, ich muss mich durchbeißen. In meinem nächsten EU packe ich aus und lege die Karten auf den Tisch – jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.

Sonntag 22.09.1985

Nichts läuft zusammen, ich wollte in Ruhe malen aber es wird nichts, ich finde ganz einfach keine Minute um mich zu konzentrieren. Allein die Anwesenheit von Hecker und Pfannschmidt geht mir auf den Sack, überhaupt kotzt mich alles an – das ist das klassische Tagedrücken. Im radio kommt auch fast nur Mist- ich fühle mich Zwängen ausgesetzt. Ich möchte abschalten und irgendwie produktiv sein.